Bild

Meine Philosophie

Über Firmenphilosophien lassen sich viele schöne Worte schreiben, die mit wundervollen Hochglanzbildern auf Webseiten und in Werbebroschüren aufgepeppt werden. Doch was nützen alle schönen Worte, wenn diese bei einer näheren Betrachtung keinen Bestand mehr haben? Hier kommt das Stichwort Authentizität ins Spiel, was für mich an erster Stelle steht. Meine Firma ist nicht groß, ich werde auch nicht die Welt verändern, aber ein paar Grundsätze sind mir bei meiner täglichen Arbeit sehr wichtig. Wenn ich ein sogenanntes "Corporate Mission Statement" hätte, dann würde es bestimmt nicht klingen, als ob es von einem Glanzprospekt einer "Big-City Marketing Agentur" stammt. Nein, es wäre eher "ich möchte mit meinen Weinfreunden Spaß am Wein haben und präsentiere Kreationen von authentischen Winzern, die nachhaltig im Einklang mit der Natur arbeiten".

Nur sorgfältig ausgewählte Weine sind für mich gut genug (© Stefan Lieser)

Nur sorgfältig ausgewählte Weine sind für mich gut genug (© Stefan Lieser)

10 Sachen, die mir sehr wichtig sind:

1. Der Wein soll im Mittelpunkt stehen. Ich finde es unangemessen, wenn Winzer oder Sommelier-Kollegen sich als "Stars der Show" präsentieren. Ich liebe meinen Beruf und ich möchte nichts anderes machen. Es ist mir aber klar, dass eine Krankenschwester oder ein Feuerwehrmann viel wichtiger für die Gesellschaft sind, darum sollten wir Weinprofis ruhig ein wenig Demut an den Tag legen. Gerade bei einem Naturprodukt wie diesem, sollte der Wein im Mittelpunkt stehen.

2. Ich habe strenge Auswahlkriterien. Es ist für mich immer wieder spannend, neue, charaktervolle Weine zu entdecken und Ihnen diese vorzustellen. Die Verkostung meiner Weine ist abwechslungsreich und bietet immer wieder unerwartete Geschmacks- und Dufterlebnisse. Ständig bin ich auf der Suche nach neuen, interessanten Winzern, die außergewöhnliche Qualitäten anbieten. Ich bin wochenlang in den Anbaugebieten unterwegs, um die interessantesten Erzeuger zu finden. Dabei helfen mir Hinweise von befreundeten Kollegen, die mir gerne ihre Geheimtipps verraten. Viele Winzer habe ich bei Weinmessen und Verkostungen kennengelernt, andere durch Zufall oder Empfehlung von Winzern, mit denen ich bereits zusammenarbeite. Ich nehme letztendlich nur die Kandidaten ins Sortiment, die ein hervorragendes Preis-Genuss-Verhältnis und dazu einen authentischen Weinstil für die jeweilige Region haben. Ich weiss, niemand braucht mich, um eine Flasche Wein zu finden. Alleine auf dem Weg zur Arbeit fahren meine Kunden an zahlreichen Einkaufsquellen vorbei. Sie kaufen aber gerne bei mir ein, weil sie davon überzeugt sind, dass meine Weine Spaß machen und schmecken. Kein Mensch braucht mich, um Einstiegs-Qualität oder bekannte, teure Namen zu finden. Aber zwischen diesen beiden Extremen liegt eine Weinwelt, die es wirklich lohnt zu recherchieren, und . . . . man wird fündig.

3. Ich lasse mich von Ratings, Punkten und Medaillen nicht beeinflussen. Weintrends und Weingeschmack werden häufig von Fachjournalisten diktiert. Mich schockiert es, wie selbstverständlich das alles, insbesonders von Kollegen, hingenommen wird. Klar, wenn ein Kunde vor dem Weinregal steht, dann kann es sein, dass er/sie sich wie Manuel Neuer vor dem Elfmeter fühlt. Wie nett, dass es ein Punktesystem gibt, ein Wein mit 90 Punkte muss besser sein, als ein Wein mit 80, oder? Leider ist es nicht so einfach, auch wenn viele sich so ein System wünschen. Weingeschmack ist eine höchst subjektive Empfindung und das kann man niemals in eine objektive Bewertung ausdrücken. Aber die Branche kümmert das wenig. Mittlerweile gibt es Winzer, die ihre Weine genau nach dem Geschmack von bestimmten Journalisten machen, damit sie höher bewertet werden und mehr verkaufen. Ganz ehrlich, wedelt der Hund mit dem Schwanz oder der Schwanz mit dem Hund? Bei der Weinauswahl verlasse ich mich ausschließlich auf mein eigenes Urteil. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich von jedem einzelnen Wein in meinem Angebot so überzeugt sein müss, dass ich für ihn streiten könnte. Gute Benotungen von berühmten Weinjournalisten spielen für mich keine Rolle und erscheinen auch nicht in meinen Listen.

Blindverkostungen sind die ehrlichsten Auswahlverfahren (© Sommelier Select)

Blindverkostungen sind die ehrlichsten Auswahlverfahren (© Sommelier Select)

4. Ich lasse mich von Billig-Angeboten nicht blenden. Stellen Sie sich einmal vor, 20:00 Uhr in der Küche zu Hause . . . . "Schaaatz, was essen wir?". . . . "hmmmm, mach mal was für €2,99". Unvorstellbar, oder? Aber nicht in der Weinwelt. Gerade Weine in den unteren Preisklassen werden zu bestimmten "Price Points" gemacht. Der Einkäufer diktiert den Preis und der Winzer muss schauen, wie er damit klar kommt, was bedeutet, er muss an jeder Ecke Kosten bei der Produktion sparen. Bei Wein gibt es eine ganze Reihe von Fix-Kosten: Flasche, Etikett, Verschluss, Transport usw. Wenn der Wein €10,00 oder mehr kostet, dann bleibt genug für die Weinqualität übrig. Aber was ist, wenn der Wein €2,99 kostet? Der Wein kann niemals eine vernünftige Qualität haben. Das muss nicht heißen, dass er nicht schmecken wird. Geschmack und Qualität sind nicht immer zusammen. Wenn man einen Wein ab €6,00 kauft, dann bleibt proportional viel mehr Geld für die Weinqualität übrig. Und das schmeckt man auch.

5. Ich lasse mich aber auch von überteuerten Angeboten ebenso wenig blenden. Folgende Situation: 19:00 Uhr im Restaurant, mitten im Rheingau. Nach einem anstrengenden Unterrichtstag über Französische Weine an der Hochschule in Geisenheim, sind wir essen gegangen. Ein Teilnehmer aus unserer Gruppe bestellt eine teure Flasche Wein aus Bordeaux, von einem weltbekannten Château, €800,00 kostet das Stück, EINE Flasche. "Steven, bist Du dabei? möchtest du dich beteiligen" fragt er mich. "Nee, sag ich, nicht wirklich". "Warum", fragt er ganz verdutzt. "Das ist ein toller Wein von höchster Qualität", meint er. "Ich weiß", sag ich, "aber die Qualität hat nichts mit dem Preis zu tun, diese Weine sind einfach nicht ihren Preis wert". Wenn der Preis einer Flasche Wein so hoch ist, dass kaum ein Normalverdiener sich den Wein leisten kann, dann ist der Wein für mich, de facto irrelevant. Ausserdem habe ich lieber viele Flaschen im (normalen) Preisbereich €10,00 bis €20,00, als eine völlig überteuerte Flasche. Stellen Sie sich vor, wie man sich ärgert, wenn er nicht einmal schmeckt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein teurer Wein nicht geschmeckt hat, oder sogar fehlerhaft war.

Deutsches Weinkultur vom feinsten, die Steillage Recher Herrenberg an der Ahr (© Sommelier Select).

Deutsches Weinkultur vom feinsten, die Steillage Recher Herrenberg an der Ahr (© Sommelier Select).

6. Ich will authentische, individuelle Weine bieten. Bei meinen Eigenimporten ist die persönliche Bekanntschaft des Winzers und der Produktionsstätte obligatorisch. Nur so kann ich die Gedanken und Ideen, die Philosophien der Winzer verstehen und weiter vermitteln. Meine Kenntnisse des Weinbaus und der Weinbereitung helfen mir, die Aussagen der Winzer vor Ort nach ihrem Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Ich will mit meinem Weinangebot ein Podium für Winzer schaffen, die tatsächlich noch handwerklich arbeiten, die Natur respektieren und charaktervolle, individuelle Weine erzeugen. Mein Angebot richtet sich an Leute, die sich zutrauen, ihr eigenes Urteil zu fällen und Freude an Neuentdeckungen und ungewöhnlichen Geschmackserlebnissen haben.

7. Ich suche Winzer und Kunden, zu denen ich eine Beziehung pflegen kann. Sicherlich freut man sich über jede Transaktion, aber viel schöner ist es, wenn man einen dauerhaften Austausch hat und nicht nur wenn eine Transaktion stattfindet. Ich schätze die zahlreichen Beziehungen, sowohl zu Winzern, Kunden und anderen Sommelier-Kollegen, die ich über die Jahren aufgebaut haben.

5 mal pro Tag Unterstoßen des Tresterhutes, für eine gute Farb- und Gerbstoff Extraktion bei der Maischegärung (© Sommelier Select)

5 mal pro Tag Unterstoßen des Tresterhutes, für eine gute Farb- und Gerbstoff Extraktion bei der Maischegärung (© Sommelier Select)

8. Ich möchte nach Möglichkeit einen ökologischen Weinbau. Ich befürworte diesen ausdrücklich. Heute sind viele Winzer zur Auffassung gekommen, dass wirklich große Weine nur mit ökologischem Weinbau erzeugt werden können. Auch diese Meinung kann ich weitgehend vertreten. Ich biete deshalb zahlreiche Weine aus ökologischem Anbau an, viele davon sind aber nicht zertifiziert. Obgleich ich ökologisch erzeugte Weine ausdrücklich bevorzuge, besteht ein großer Teil meines Angebotes aus konventionell angebauten Weinen. Wann immer es möglich ist, versuche ich die Winzer zu natürlichen Anbaumethoden zu motivieren.

9. Ich möchte mich ständig weiterbilden. In der Weinwelt finde ich das Thema Fachkompetenz sehr wichtig. Man freut sich über jede neu gewonnene Qualifikation. Gleichzeitig bekommt man immer vor Augen geführt, dass man nie auslernen kann. Es gibt immer was neues zu entdecken. Gerade deshalb ist die Welt des Weines so wundervoll. Zusätzlich zu meiner bisherigen und andauernden Ausbildung, verbringe ich  regelmäßig Zeit beim Winzer im Weinberg und im Keller, um hautnah die verschiedene Prozesse zu erleben und daran teilzunehmen. Aus Fachliteratur und digitalen Medien kann man viel lernen. Das tue ich auch. Aber die Gliederschmerzen nach einem Tag beim Rebschnitt in der Steillage hinterlassen deutlich merkbare Spuren. Ich bin mir auch nicht zu schade, um einen ganzen Anhänger voll Trauben eigenhändig in die Presse zu befördern oder eine Stahltank von innen mikrobiologisch sauber zu machen.

Weitermachen Junge! Der nächste Anhänger ist im Anmarsch (© Sommelier Select)

Weitermachen Junge! Der nächste Anhänger ist im Anmarsch (© Sommelier Select)

Ein bisschen wie duschen in der Waschmaschine (© Sommelier Select)

Ein bisschen wie duschen in der Waschmaschine (© Sommelier Select)

10. Last but not least: Ich möchte meine Leidenschaft für Wein & Genuss mit Euch teilen. Ich möchte gemeinsam mit Euch Spaß im Glas haben und den Stress der heutigen Gesellschaft mit etwas Ruhe, Gelassenheit und Freude entgegen prosten. In diesem Sinne schicke ich Euch einen Gruß aus der schottischen Eifel. Bis bald auf ein Glas zusammen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen.